Bahngespräche

Bahngespräche

Ein grauer Herbsttag. 8.30 Uhr. S-Bahn. Auf dem Weg zur Arbeit.

Mein Handy ist kaputt und so starre ich heute mal nicht in das Display, ich checke keine E-Mails, ich höre keine Musik und surfe auch nicht in den sozialen Netzwerken. Nein. Ich sitze einfach nur da und beobachte, was um mich herum so geschieht.

Mir wird bewusst, wie sehr wir alle mit unseren Mobiltelefonen verwachsen sind: Ausnahmslos JEDER starrt in sein Handy: Egal ob jung, alt, hip, konservativ, alternativ – JEDER ist mit seinem Smartphone beschäftigt.

Plötzlich reißt mich eine junge Frauenstimme aus meinen Gedanken. Ein vielleicht 16-jähriges Mädchen steht an der Tür des S-Bahn Abteils, sie schaut aus dem Fenster und telefoniert lautstark mit ihrem Handy. Ob ich will oder nicht, ich werde Mitwissende des Gesprächs. Genervt betrachtet sie ihr Spiegelbild in den Fensterscheiben der Bahn und jammert gequält in ihr Telefon:

„ Oh nee, wie ich heute aussehe. Mein Ansatz ist nicht geglättet. Meine Augenbrauen sind nicht gekämmt. Die Augen habe ich mir auch nicht richtig geschminkt. Oh Alter, das geht gar nicht. Ich sehe aus wie der Fuß meines Schwiegervaters. Alter, das ist ja kaum auszuhalten!“

Kurze Pause – dann geht es weiter:

„Die Hose sitzt auch nicht richtig. Mir war heute zwar total schlecht und daher habe ich nicht gefrühstückt. Ich glaube aber nicht, dass ich abgenommen habe. Trotzdem – der Gürtel steht heute irgendwie total komisch ab. Der passt nicht ins richtige Loch und jetzt sieht das voll scheiße aus. Oh Alter, das passt einfach auf keine Kuhhaut, wie ich heute aussehe. Ehrlich. Ich hätte daheim bleiben sollen. Aber dann bekomme ich wieder einen Anschiss und ich muss ja immer die Lustige sein. Die, die immer gut drauf ist. Aber mir ist heute nicht danach. Ahhhh, das ist doch alles einfach nur noch gequirlte Scheisse!“

Wieder eine kurze Pause. Dann schreit sie weiter in ihr Handy:

„Und das Wetter ist heute auch einfach nur noch zum Wegwerfen. Da werden meine Haare über den Tag immer schlimmer aussehen. Und, wie konnte ich mir nur diese Klamotten raussuchen. Ich sehe wirklich aus wie der letzte Schlucker. Das geht einfach gar nicht. Wie soll ich diesen Tag heute bloß überstehen????“

Mittlerweile hat der Zug an der nächsten Station angehalten, fast alle Leute sind ausgestiegen und im Abteil befinden sich nur noch ich und das junge Mädchen. Niemand hat ihr Gejammer bemerkt – wie auch – es sind ja alle mit ihren Handys beschäftigt.

Plötzlich dreht sie sich zu mir um und ich bemerke, dass sie die ganze Zeit nur so getan hat, als ob sie telefoniert. In Wirklichkeit hat sie die ganze Zeit mit ihrem Telefon lautstarke Selbstgespräche geführt. Ich bin platt.

Kurz bevor sie aussteigt, spricht sie mich mit traurigen Augen an: „Ich habe schon ein schweres Leben oder?“

Ich erwidere: „Es kann heute nur noch besser werden – und deine Haare, die sehen toll aus, auch wenn der Ansatz NICHT perfekt geglättet ist!“

Sie schaut mich zweifelnd an und prüft sofort wieder ihr Aussehen in den Fensterscheiben der Bahn. Dann steigt sie aus und verschwindet aus meinem Sichtfeld.